Contra
Ich bin das «Contra». Eine Selbstbetrachtung
Manchmal bleibe ich unbeachtet. Man läuft an mir vorbei, runzelt die Stirn oder lacht verächtlich. Das ist in Ordnung. Ich bin nicht hier, um zu gefallen. Ich bin kein Ölgemälde mit goldenem Rahmen. Ich hänge nicht brav in der Mitte. Ich bin eine Unterbrechung. Ich bin ein Widerspruch. Ich bin das «Contra». Ich wurde nicht geboren, um schön zu sein. Ich bin entstanden, weil jemand etwas sagen wollte – gegen das Schweigen, gegen die Ordnung, gegen das Einverständnis. Meine Erschaffer: Dadaisten, Surrealisten, Konzeptkünstler:innen, Aktivist:innen. Ich bin Fragment, Protest, Störung. Ich bin das Nein mitten im Ja der Kunstgeschichte.
Mehr anzeigenDann war ich ein Schnitt. Hannah Höch zerschnitt Fotos, Zeitschriften, Werbebilder – sie zerlegte das Frauenbild, den Konsum, die Propaganda. Ich war Collage, Fragment, Gegenrede. In ihren Händen wurde ich zu einem Werkzeug der Kritik.
Ich war Dada. Ich war «Nein» zur Vernunft, zur Kriegslogik, zur Männlichkeit der Kunst. In den 1960er Jahren wurde ich unsichtbar. Ich war Konzept. Ich war Idee. Ich war Sol LeWitts Satz: «Die Idee wird zur Maschine, die die Kunst macht.» Man musste mich denken, nicht anschauen. Ich wurde zur Kritik am Kunstmarkt, der nur kaufte, was sich einrahmen ließ. Aber ich ließ mich nicht einrahmen. Ich blieb Widerstand.
Ich wurde Körper. Valie Export trug mich durch die Straßen Wiens, barfuß, mit einem Maschinengewehr aus Blicken. Ich war Performance, ich war Haut, ich war Provokation. Später war ich auch Cindy Shermans Maske – eine Frau, die viele Frauen war, und doch keine davon. Ich war feministisch. Ich war «Contra» gegen das Unsichtbarmachen.
Ich bin entstanden auf Mauern bei Nacht – in Sprühzügen, die keine Genehmigung wollten. Ich bin Banksys Affe, der ein Schild trägt: «Laugh now, but one day we’ll be in charge.» Ich bin das Kind mit der Blumenbombe, die Sehnsucht mit Trotz vermischt. Ich bin urban, flüchtig, subversiv. Ich lasse mich nicht kaufen – zumindest nicht ohne Widerspruch.
Die Menschen versuchen oft, mich einzuordnen: Ist das noch Kunst? Ist das erlaubt? Was will das sagen? Aber ich bin nicht da, um zu erklären. Ich bin da, um zu stören. Und gerade darin liegt meine Kraft: Ich bin der Moment, in dem etwas kippt. Der Augenblick, in dem eine Gewissheit zerbricht.
Ich erinnere mich an die Fluxus-Zeit. Ich war eine Aktion, keine Sache. Ich war das Geräusch eines zerschnittenen Klaviers. Die Erleichterung eines Publikums, das plötzlich mitmachen durfte. Ich war Leben – und damit gegen die Kunst als sakrale Insel.
Und heute? Ich bin digital, wandelbar, manchmal sogar unsichtbar. Aber ich bin noch da. In jeder Geste, die sich weigert zu wiederholen. In jedem Werk, das Fragen stellt, statt Antworten zu geben. Ich bin der rote Faden der modernen Kunst – nicht in Form, sondern in Haltung. Ich bin das «Contra».
Man hat mich aus Alltagsgegenständen gebaut. Oder gar nicht gebaut – manchmal bin ich nur ein Gedanke, ein Satz an der Wand, eine irritierende Geste in einem Raum, der nach Respekt heischt. Ich erinnere mich: Ich war ein Urinal – Duchamp nannte mich Fountain, stellte mich auf den Sockel und ließ den Applaus ausbleiben. Das war 1917. Ein Skandal? Nein. Eine Kampfansage.